Ein ignoriertes Werk des tschechoslowakischen Kinos: MURDERING THE DEVIL auf YouTube


 

In Österreich, wo gerade diese Zeilen in die Tastatur geklopft werden, herrscht wieder Lockdown. Das ist natürlich alles andere als gut. Aber man soll ja das Beste aus der Situation machen und das Beste heißt für mich natürlich, so viele Filme zu schauen, wie nur irgendwie möglich. Und was passt bitte mehr in einen 2021-Lockdown, als ein surreales Beziehungs-Kammerspiel, das eingefahrene Geschlechterrollen anprangert?

Es gibt Begriffe, die sollten nicht inflationär benutzt werden. In Wirklichkeit sollte das gar keiner, weil jedes Wort dadurch an Bedeutung verliert. Ein gutes gegenwärtiges Beispiel wäre zum Beispiel „Intensivstation“. Zumindest kann ich es mir nicht anders erklären, dass derzeit so viele Menschen mit dieser Form der medizinischen Unterbringung liebäugeln, wo das doch bedeutet, dass sie splitterfasernackt an dutzenden Schläuchen hängen und mit dem Tod ringen, während ihnen Pflegekräfte den Arsch sauber wischen. Natürlich ist es aber keine Option, Intensivstationen nicht mehr Intensivstationen zu nennen. Weil es nun mal Intensivstationen sind. Deswegen vielleicht doch kein so gutes Beispiel und die Ursache des Problems sollte andernorts zu finden sein. Wie dem auch sei, ein Begriff, mit dem ich jedenfalls sparsam umgehe, weil ihm der inflationäre Gebrauch nur schadet, ist „subversiv“. Ein Grund dafür ist die Tschechoslowakische Neue Welle, die 1962 ihren Anfang nahm und 1968 mit dem Prager Frühling ihr gewaltvolles Ende fand. Diese unheimlich spannende Bewegung zeigt für mich exemplarisch auf, was subversives Kino eigentlich bedeutet. Und was ihm drohen kann.

Einige bekannte Namen gehen aus dieser, von der französischen Nouvelle Vague beeinflussten, Neuen Welle hervor, die in ihrer Muttersprache Nova Vlná genannt wird. Miloš Forman hat, bevor er nach dem Prager Frühling gleich in den USA geblieben ist, wichtige Filme dazu geliefert. Darunter einen meiner Favoriten der Welle, nämlich DIE LIEBE EINER BLONDINE (1965), aber natürlich auch den bekannteren DER FEUERWEHRBALL (1967). Juraj Herz, ein namhafter Vertreter der slowakischen Seite, hat mit seiner Liebe zum makabren Horror- und Märchen-Film, Meisterwerke wie DER LEICHENVERBRENNER (1969) geschaffen, den es übrigens in schön restaurierter Fassung bei Deutschlands Vorzeige-Label BILDSTÖRUNG auf Blu-ray zu beziehen gibt. Dort finden sich auch noch zwei weitere Perlen des tschechoslowakischen Films, nämlich Věra Chytilovás TAUSENDSCHÖNCHEN (1966) und Jaromil Jireš VALERIE – EINE WOCHE VOLLER WUNDER (1970). Bei beiden Filmen war Ester Krumbachová als Drehbuchautorin beteiligt, bei TAUSENDSCHÖNCHEN außerdem für die fantastischen Kostüme verantwortlich.

Krumbachová war für die ganze Bewegung essentiell. Hervorragende Kostüme entwarf sie nicht nur für TAUSENDSCHÖNCHEN, sondern zum Beispiel auch für Jan Némecs Debüt DIAMONDS OF THE NIGHT (1964), der sie übrigens als seine Muse bezeichnete. Beim Drehbuchschreiben unterstützte sie nicht nur Chytilová und Jireš, sondern auch Otakar Vávra bei seinem Folk Horror Streifen WITCHHAMMER (1970). Als Regisseurin ist sie leider nur ein einziges Mal tätig geworden und zwar mit der surrealen Komödie MURDERING THE DEVIL (1970), den es, neben vielen weiteren Filmen, auf dem YouTube-Kanal „Česká filmová klasika“ zu sehen gibt. In der Film-Konzepte Reihe über Věra Chytilová von Herausgeberin Margarete Wach, wird er als einer der am meist ignorierten Filme des tschechischen Kinos bezeichnet.

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MURDERING THE DEVIL ist ein eigenwilliges Antimärchen, das als Kammerspiel inszeniert ist. Wir begleiten darin eine nicht mehr ganz junge Frau, die alleine in einer wunderschön dekorierten Wohnung lebt. Sie lässt sich auf ein Techtelmechtel mit einem in der Stadt hoch angesehenen Mann ein. Oder vielmehr wünscht sie sich dieses Techtelmechtel mit Option auf Heirat, während der Mann eigentlich nur zum Essen und für seine tägliche Ration Mansplaining vorbeikommt. Dieser Umstand nimmt immer absurdere Ausmaße an, bis der Nimmersatt aka Mr. Devil beginnt, selbst an den schönen Möbeln der Wohnung zu nagen. Spätestens jetzt muss sich unsere Protagonistin ernsthaft überlegen, wie sie diesen Schmarotzer wieder loswird.

Gespielt wird das ungleiche Paar von Jiřina Bohdalová, deren stark auf Gesichtsmimik konzentriertes Schauspiel ein wenig an das von Giulietta Masina in LA STRADA (1956) erinnert, und von Vladimír Menšík, den wir unter anderem aus dem bereits erwähnten DIE LIEBE EINER BLONDINE kennen. Und auch wenn die zwei maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass man diesen schrägen, kleinen Film liebend gerne bis zum Ende schaut, sind die eigentlichen Stars des Streifens wiedermal Ausstattung und Kostüm. MURDERING THE DEVIL ist eine Wohltat für das Auge, aber mit Sicherheit eine Zumutung für Menschen, die ihre Filme gerne bodenständig haben, oder als „Fenster zur Welt“ betrachten. Denn Krumbachovás erster und letzter Spielfilm hegt zumindest formal keine Ambitionen, mit der Realität viel zutun zu haben. Die inhaltlich verhandelten Themen wiederum, die sich insbesondere um Geschlechterrollen drehen, aus denen es nur schwer gelingt, auszubrechen, sind damals wie heute höchst aktuell. Insbesondere in Österreich, wo Paare und Familien sich jetzt wieder wochenlang in ihren Kämmerchen ertragen müssen.




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