ENTSCHLEUNIGT UND POTENT: THE EXORCIST III auf Netflix

 


Seit ich am SLASH Filmfestival 2020 die Dokumentation LEAP OF FAITH: WILLIAM FRIEDKIN ON THE EXORCIST (2019) gesehen habe, nehme ich mir vor, mir den Klassiker von 1973 wieder zu Gemüte zu führen. In der Doku beschreibt Friedkin, weniger entwaffnend als verstörend ehrlich, wie er am Set für authentischen Horror in den Gesichtern seiner Schauspielcrew sorgte. So hat er zum Beispiel dem Laiendarsteller Father William O’Malley, um bei ihm den gewünschten Gesichtsausdruck zu erzeugen, nach bejahter Nachfrage, ob dieser ihm vertraue, einfach eine runtergehaut. Wir alle kennen und schätzen die Ergebnisse von Friedkins zweifelhaften Methoden am Set und ich nehme an, wir sind trotz allem froh, dass solche Sachen heute nicht mehr gehen. Hoffen wir’s zumindest!

Dass ich Friedkins THE EXORCIST bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht gerewatcht habe, spricht für eine Inkonsequenz, die sich zum Glück nicht durch alle Bereiche meines Lebens zieht. Zum Glück hinderte sie mich auch nicht daran, eines Feierabends, nach einem anstrengenden Arbeitstag, Netflix anzumachen, mich über das dortige Erscheinen von THE EXORCIST III (1990) zu freuen und auf Play zu drücken. Ohne dass ich nämlich das Original wieder aufgefrischt hätte.

Es gibt Filme, die es schaffen, mich in anstrengenden Zeiten runterzuholen. Oft sind es welche, die ich bereits kenne und liebe und bei denen ich weiß, dass sie diese Gabe besitzen. Zu Beginn der Corona-Pandemie waren es aber auch die, im Vergleich zum Weltgeschehen unaufgeregten, Filme von Eric Rohmer, die mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt waren. Und letzten Abend war es eben THE EXORCIST III. Wer sich jetzt fragt, wie das sein kann, weil ein Horrorfilm? Wie soll der jemanden runterholen, wenn es Sinn der Sache ist, dass er schockiert, aufwühlt, verstört? Diesen Personen sei erstens gesagt, dass es sich bei ihnen offensichtlich nicht um waschechte Horrorfans handelt, die am liebsten zu Motorsägen-Geräuschen weg dösen (sorry to say so, aber kann ja noch werden) und zweitens, dass THE EXORCIST III gar nicht mal so horrormäßig beginnt.

Denn zunächst handelt der Film von einer ganz gewöhnlichen Mordserie in Georgetown. Zugegeben, über dem Stadtteil schwebt noch immer die von sämtlichen Beteiligten totgeschwiegene Wolke der Vergangenheit und so mancher Schauplatz der Tragödie verfolgt so manchen Menschen im Schlaf. Aber ansonsten begleiten wir den in die Jahre gekommenen, desillusionierten Lieutenant Bill Kinderman (George C. Scott) bei seiner geerdeten Arbeit. Überirdisch geht es nur in den Gesprächen mit Father Joseph Dyer (Ed Flanders) zu, wo sie diskutieren, ob es einen Gott gibt oder nicht. Und doch nehmen die Entwicklungen um die Mordserie sukzessive seltsame Gestalt an. Man ist sich schnell einig, dass der tot geglaubte Gemini-Killer zurück und verantwortlich für die grausam zugerichteten Leichen ist. Zu aller Seltsamkeit kommt hinzu, dass ausgerechnet ein Mann hinter Gittern behauptet, eben dieser sagenumwobene Serienmörder zu sein.

Erzählt ist das alles wunderbar entschleunigt. Für die einzelnen Szenen wird sich ausreichend Zeit genommen, die Figuren werden uns sachte ans Herz gelegt und auch die Dialoge müssen nicht immer zwingend zur Handlung beitragen. All das trägt zur erwähnten Entschleunigung bei, ebenso die Beziehungsdynamik zwischen dem Lieutenant und dem Priester, die schon alleine aufgrund des Alters der Protagonisten eine gewisse Langsamkeit mitbringt. Soll aber nicht heißen, dass es THE EXORCIST III an Spannung und Intensität fehlt. Diese nehmen insbesondere dann Fahrt auf, wenn wir zusammen mit dem Lieutenant in der Zelle des angeblichen Gemini-Killers sitzen, dessen Figur wirklich herausragend von Brad Dourif verkörpert wird. Diesen Charakterdarsteller kennen wir von diversen anderen schrägen Rollen, ob als Schlangenzunge in DER HERR DER RINGE oder auch als Stimmgeber für CHUCKY – DIE MÖRDERPUPPE. In THE EXORCIST III sind es vor allem zwei Szenen, die beide knapp über zehn Minuten dauern und somit ein Fünftel der gesamten Spielfilmlänge ausmachen, in denen Dourif zeigt, was er kann. Und das ist einiges.

Selbstverständlich handelt es sich hierbei trotz der angenehmen Langsamkeit und des anfänglichen Thriller-Plots um einen potenten Horrorfilm. Im letzten Drittel finden sich schließlich Szenen, die man, einmal gesehen, nicht so schnell wieder vergessen wird und die dem Klassiker von 1973 hinsichtlich des Schockpotentials durchaus Konkurrenz machen. Es ist unheimlich schade, dass William Peter Blatty, der ja sowohl für die Romanvorlage, als auch für das Drehbuch zu Friedkins THE EXORCIST verantwortlich ist, bis auf dieses Schmuckstück hier nur einen weiteren Film als Regisseur verwirklicht hat: THE NINTH CONFIGURATION (1980). Der steht auf meiner Watchlist jetzt ganz weit oben, aber ihr wisst ja, ich und meine Inkonsequenz in Sachen Vorhaben…

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